"Das Fotografische Gedächtnis"
Camera Obscura und 60 Fotokarten (30 Bildpaare)
Die Sammlung "Camera Obliqua"
Von Wolfgang Vollmer


Seit mehr als tausend Jahren wird die Camera Obscura zur Sonnen-
beobachtung, als Zeichenhilfe und seit über hundertsiebzig Jahren zum
Fotografieren benutzt. In ihrer einfachsten Gestalt ein dunkler Raum mit
kleiner Lichtöffnung und Mattscheibe, ist die Camera Obsura die Urform
aller Fotoapparate. In Anlehnung an den Begriff Camera Obscura
(lat.: dunkler Raum) trägt die Sammlung von Fake-Kameras den Titel
Camera Obliqua (lat.: schräg, schief).

Während die Camera Obscura das Bild der Wirklichkeit verzerrt, liefert
die Camera Obliqua ein verzerrtes, schräges Bild der Fotografie.
Das Täuschende und Überraschende der Fotografie findet sich auch
in den ca. 1000 Fake-Kameras, die Wolfgang Vollmer in den vergangenen
fünfzehn Jahren auf Flohmärkten, auf Auktionen und in Souveniershops
gefunden hat. Die Objekte sind aus den unterschiedlichsten Materialien
gefertigt: Kunststoff, Pappe, Metall, Ton, Keramik, Gummi und Schokolade.
Es gibt sie in allen Formaten von der Kleinbildkamera bis zur Fachkamera,
als Sofortbild- und Laufbodenmodelle, als Box und Pocket, als Spiegelreflex
und Sucherkamera und als zweiäugige und Kameras mit Wechselobjektiven.
Die größte Kamera ist ca. 40 x 60 cm groß und die kleinste wenige Millimeter.
Sie sind profi-matt-schwarz, einfarbig, coloriert oder poppig-bunt. Im
Erscheinungsbild imitieren die Objekte Fotoapparate, ihre Funktion entlehnen
sie den unterschiedlichsten Alltagsgegenständen. Sie sind: Bleistiftanspitzer,
Radio, Spardose, Feuerzeug und Kinderspielzeug. Die Apparate besitzen
viel Überraschendes und Spielerisches. Es gibt Wasserspritzer,
herausspringende Gruselmonster, man schießt kleine Kugeln ab und es
klappen Fratzen heraus! Erlebt man nicht ähnliche Aspekte auch beim
Fotografieren?

Woher kommt diese ungeheure Vielfalt der Fake-Kameras?
Denn es gibt wenige Objekte, die so viele direkte und karikierende Nach-
ahmungen erfahren haben, wie der Fotoapparat. Vielleicht liegt es daran,
daß der Fotoapparat von Anfang an als etwas Gefährliches empfunden
wurde. Jeder kennt die Begriffe "Schnappschuß" oder "photo-shooting".
Das heißt, Fotografie scheint ein von jedermann benutztes Medium
zu sein, über das wir allerdings die Kontrolle verloren haben. Sei es, weil
die Technik schwer verständlich ist. Sei es, weil die Fixiereung des
Augenblicks im Foto immer wieder beunruhigt. Eine mögliche Form,
sich gegen diese Verunsicherung zu wehren, ist der Witz. So erschienen
schon kurz nach Erfindung der Fotografie Karikaturen, die den Fotografen
und die Fotografierten lächerlich machten - eine Art diesem unglaublichen
Vorgang des Fotografierens die Bedrohlichkeit zu nehmen.
Und bis heute ist ein immer wiederkehrendes Bild der fotografierende Affe,
wobei nicht immer klar ist, ob die einfache Bedienung visualisiert werden
soll oder die lächerliche Figur des Fotografen, der alles nachmacht.

Im Objekt Das Fotografische Gedächtnis erhält die Fake-Kamera die
Funktion ihres Vorbilds zurück. Ein Spielzeug in Gestalt eines Fotoapparates
erweist sich alsfunktionierendes Instrument der Wirklichkeitsbeobachtung:
eine Camera Obscura. Das Fotografische Gedächtnis ist ein Spiel mit der
Erinnerung. Täuschend, nachahmend, auf Vergleichung und Verwechslung
angelegt, wie die Fotografie selbst.